Was ist Militanz?

»In London kommt es 1910 erneut zu Ausschreitungen militanter Frauenrechtlerinnen. Sie fordern das Wahlrecht für Frauen.« – »Militant Music Group & Entertainment supports good quality music, from Hip-hop to Alternative Rock along with acting and comedy.« – »30.000 Hyundai-Arbeiter … setzen neben Gabelstaplern und Bulldozern auch Sandstrahlgeräte ein … Bei den militanten Auseinandersetzungen werden die Konzernzentrale und das Rathaus verwüstet.« – »Die Sit-ins in nach Rassen getrennten Institutionen führten zur militant-gewaltlosen Konfrontation mit Rassisten. … Diese gewaltlosen Feinde der Hierarchie prägten einen Stil gewaltloser Militanz.« – »Massenschlachtungen wegen Maul- und Klauenseuche 2001: Bauer Vellacott hört längst nicht mehr hin: Wir müssen militanter werden und selbst für unsere Rechte kämpfen.« – »Die Hafenarbeiter weigerten sich, Kriegsgüter für Indochina zu verladen, und eine Militante stoppte einen Zug mit Waffen, indem sie sich auf die Eisenbahngleise legte.« – »Die militante gruppe war … durch die von ihr mitinitiierte Militanzdebatte bekannt geworden. … Allerdings wird der Gruppe nicht nur das Abfassen von militanten Texten angelastet.«

Diese zufälligen und beliebig erweiterbaren Fundstellen im Netz zu militanten Frauen, militanten Stahlarbeitern, militanten Bauern, militanten Schienenblockaden, militant-gewaltlosen Konfrontationen, militanten Sit-ins, militanter »good quality music«, militanter Gruppe sowie militanten Texten zeigen, dass der Versuch, die Verwendung von »Militanz« und »militant« inhaltlich einzugrenzen, keinen Erfolg haben wird.

Militanz ist einer jener auf- und anregend klingenden Begriffe, die gerade wegen ihrer ungenauen Definition in politischen Auseinandersetzungen propagandistisch und interessengeleitet verwendet werden. In deutschsprachigen Mainstream-Medien ist Militanz ein Synonym für möglicherweise (»gewaltbereit«) oder tatsächlich gegen Polizeieinsätze und Bankenfassaden vorgehende DemonstrantInnen, konkreter: für Steine werfende Vermummte des »Schwarzen Blocks«. Da schwingt der Begriff »Terrorismus« mit. Hinter dieser Lesart steht das Interesse, staatliche Maßnahmen und ein »härteres Vorgehen« zu fordern und zu legitimieren – denn diese Militanz verstoße gegen das staatliche Gewaltmonopol und bedrohe den Inneren Frieden. Dass Militanz tatsächlich über diese zugeschriebene Wirkung verfügt, wird von den gemeinten Linken auch so gesehen und unter Hinweis auf politische Ziele und eine mit entsprechenden Demonstrationsbildern erzielbare Öffentlichkeitswirkung praktiziert und verteidigt. Dieses Verständnis von (Straßen-)Militanz verlässt die enge Konnotierung von Militanz mit Gewalt allerdings kaum.

Militanz stammt von militare (lat.: als Soldat dienen), eine Bedeutung, die heute keine Rolle mehr spielt. Im romanischen und angelsächsischen Sprachraum ist »militant« viel weniger unbestimmt als im Deutschen, dort steht es für politisch Aktive bzw. für AktivistInnen von Organisationen und auch Parteien. Das Verhältnis zur Gewalt ist kein Kriterium für diese Zuschreibung von »militant«. Da der Begriff hierzulande so »offen« ist, könnte »militant« gerade deswegen aus der massenmedialen Schmuddelecke gezogen und positiv besetzt werden. Begriffe wie »linksradikal«, »radikal« und »autonom« haben ihren Sinn. Angesichts der individuellen und gesellschaftlichen Herausforderungen der neoliberalen Angriffe wirken sie jedoch etwas angestaubt und sind zu »besetzt«, um noch wirklich verbindend wirken zu können.

Was wäre eine »militante Linke«? Ist es sinnvoll, diese Bezeichnung zu propagieren? »Militant« hat das Potenzial, Individuen und Gruppen, Einstellungen und Praxen zu bezeichnen und zu einem mobilisierenden Schlüsselbegriff zu werden. Im hier vorgeschlagenen Sinn beschriebe Militanz eine persönliche Einstellung, bei der die/der Einzelne trotz des Risikos persönlicher Konsequenzen eine Folgerichtigkeit von politischer Überzeugung und Handeln anstrebt. Militante sind so verstanden das selbstbewusste Gegenteil von Opportunisten, Funktionären, Karrieristen und Wendehälsen. Militante Organisationen wären freiwillige Kollektive, die ihre Politik selbstverantwortlich, reflektiert, entschieden und offensiv betreiben, da ihre Militanten sich als »ganze Person« einbringen und ihre Gruppe nicht als eine hierarchische, von Funktionären gesteuerte akzeptieren würden. Generell würde die Praxis von Militanten und militanten Organisationen auf der Einsicht beruhen, dass zur Veränderung der Welt verbindlicher und hartnäckiger Einsatz nötig ist. Bei Militanten bestimmt die Politik die Mittel und korrigiert sie ständig. Militanz wäre weder ein auf Gewalt noch auf Gewaltlosigkeit, sondern auf politische Effizienz und Zielgerichtetheit ausgelegter Weg. Im Gegensatz zu unreflektierter und struktureller Gewalt könnte Militanz, verstanden als Resultat eines militanten Lebens und militanten Denkens, das Versprechen auf individuelle und gesellschaftliche Emanzipation enthalten.

Klaus Viehmann

Quelle: Brand, Ulrich / Lösch, Bettina / Thimmel, Stefan (Hrsg.): ABC der Alternativen. VSA-Verlag 2007, Hamburg.

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Widerstand und Militanz

Nach langer Durststrecke haben wir das Gefühl, dass sich im Hinblick auf direkte Aktionen wieder etwas tut. Zumindest punktuell gelingt es uns, Widerstand auch praktisch auf die Straße zu bringen. Sei es am 1.Mai letzten und diesen Jahres in Hamburg und Berlin als Ausdruck von Straßenmilitanz, oder auch die erfreulich vielen Kleingruppenanktionen quer durch die Republik, die sich offensiv und direkt auf die Militarisierung dieser Gesellschaft beziehen. Auch das Konzept der Aktionweeks aus Berlin ist, was die Bündelung von militanten Kleingruppenaktionen angeht, für uns eine Diskussion wert. Keine Gründe um sich selbstgefällig zurück zu lehnen aber vielleicht Anlass, um optimistischer in die Zukunft zu sehen.

Grundsätzlich haben wir die Hoffnung auf eine gesellschaftliche Veränderung noch nicht aufgegeben und, auch hier Grundsätzlich, lassen wir uns die Mittel des Widerstandes nicht vorschreiben. Wir glauben das es politisch richtig und sinnvoll ist, gesetzliche Rahmenbedingungen zu brechen, Verantwortliche für Ausbeutung und Unterdrückung aus der Anonymität heraus zu ziehen und zumindest zu versuchen, menschenfeindliche Projekte zu verhindern.
Nicht zuletzt schaffen wir uns Momente von Zuversicht, um unsere Perspektiven und Utopien auch unter den herrschenden Bedingungen nicht zu verlieren.
Wir wünschen uns für uns alle einen offensiven Alltag. Wir wollen mehr Parolen an den Wänden und wildes Plakatieren. Wir wollen mehr Steine und Farbeier. Wir wollen mehr kollektive und individuelle Aneignung. Wir wollen feurige Aktionen in den Strassen. Weil wir noch immer alles wollen.
Aber leider hilft uns und euch dieses wollen nicht allzu viel weiter.
Denn es ist weitaus mehr notwendig als starkes Auftreten nach außen hin, mehr als geschlossene Ketten und unerschrockenes Vorgehen. Dazu gehört, dass wir den Kampf gegen das herrschende System und seine Unmenschlichkeit nicht als einen Kampf um eine bessere Ideologie begreifen, sondern als einen sozialen Kampf um eine andere Wirklichkeit, in der für uns und andere erlebbar und spürbar wird, wofür es sich morgen noch lohnt zu kämpfen. Genau aus diesem Grund interessiert uns z.B. der Blick nach Griechenland. Nicht weil dort tolles Molli werfen zu beobachten ist, sondern weil uns die soziale Praxis interessiert, die einen solchen Aufstand wie dem vom Dezember, unterstützen kann.
Das klingt jetzt alles schrecklich pathetisch weshalb wir versuchen den Bogen zurück zu schlagen:
Wie schaffen wir es, unter uns Bedingungen zu schaffen, um Alltagspraxis und Aktionsformen weiter zu entwickeln?
Wie schaffen wir es, unseren Widerstand und unsere Inhalte weiter zu vermitteln?
Und, wie sollen wir Militanz verantwortungsvoll einsetzen und perspektivisch ausbauen? Eine Militanz, in der inhaltliche Analyse und nicht Coolness oder Heldentum die Grundlage bildet.

Ach ja, wollen wir das alles überhaupt?

(Inputtext zum autonom kongress 2009 in der Roten Flora, Hamburg)